Mittwoch, 28. Januar 2026

Die Verweigerung oder Anmerkungen zu "communismus der geister/dokumente #1 – #3



1 A

Lass die Welt zugrunde gehen [M. Duras // press kit, Les Films 

Molière, 1977, fonds Jean-Pierre Joncolas, archives de la Section 

d'histoire et esthétique du cinéma, Université de Lausanne]. Man 

muss die Kraft zur totalen Kritik, zur Verweigerung, zur 

verzweifelt sinnlosen Anklage aufbringen. Es gibt keine 

politische Lösung, die uns wesentlich berücksichtigen würde.

1 B

Zwecklos noch an ein planetarisches, ökologisches 

Gleichgewicht zu glauben. Weil uns ein falsches Denken

und Verständnis im Wege steht.

1 C

Machen wir uns nichts vor. Man muss den Mut besitzen,

an nichts zu glauben. Sich frei machen von jeder

Form von Verzweiflung. 

1 D

Die eingeschlagene (vorgebene) Umlaufbahn verlassen. 

Die Funktion der Distanzierung vom Realen. Eine Art 

organischer Widerstand.

1 F

Gegen eine konformistische Korrektheit.


2

Man schreibt über alles. Über alle möglichen Arten des 

Untergangs. Man greift ein, wird einbezogen. Von seinen 

Freunden. Seinen Feinden [die Konzepte der Feindschaft 

bei Tiqqun, J.-L. Nancy oder J. Derrrida, der in Politiques de 

l'amitié daran erinnert, dass wir ohne Feind nicht in der Lage 

sind, unser Selbst zu denken, ein Sein, das sich nur durch und 

mit einem Anderen begreifen läßt]. Man schreibt nicht für 

jene, die die Literatur lieben. Man darf nicht einen 

Gedanken daran verschwenden. Das denke ich.


3 A

Man muss sich von allem befreien. Sich selbst auslöschen. 

Die Vorwände pulverisieren, dieses oder jenes zu tun. Oder 

nicht zu tun. Zu lieben. Zu schreiben. Zu leben. Nicht zu leben.

3 B

No more poetry. Die Dunkelkammer eines Gedankens/eines

Textes.

3 C

Der Text muss eine gewisse Desorientierung hervorrufen, damit

er nicht als Poesie gelesen wird.


4

Die Illusionen der Literatur sind nutzlos. Die Literatur ist erschöpft.

Sie bezieht Stellung, kämpft, sucht nach Auswegen. Sinnlos, sich

davon etwas zu erhoffen.


5  A

Es ist geradezu schockierend, jemanden zu hören, der die 

Wahrheit sagt. Weil es so selten vorkommt.

5 B

»Wie wird man für sich selber etwas, das man sich vorstellt?«

Jean-Luc Nancy: L'Intrus


6

Wir können verzichten auf die Rechenschaftsberichte, die 

Prognosen, die neuen Zielsetzungen. Wir verzichten auf 

Weiss- und Schwarzbücher, Manifeste und Losungen, die

Versprechen, Enzykliken, Bitt- und Dankschriften, Träumereien

und Diarien.


7 A

Es ist das andere Sehen (das Andere sehen). Das des 

Unvorstellbaren. Die Bilder, die ich im Kopf habe, sind ganz 

davon durchdrungen. Nur weil meine Poesie nicht als Poesie 

gesehen wird, kann ich überhaupt erst Poesie schreiben. Aber 

die Poesie befindet sich noch immer in einem toten Winkel. Es 

geht nicht um eine Literatur des Widerstands, als vielmehr um 

eine der Ablehnung, eine Literatur der Verweigerung, Verachtung.

7 B

Angélica Liddell, die sich ihre Genitalien über einem Bidet

wäscht und das Wasser gegen die Wand des Papstpalastes

in Avignon schleudert. [Festival d'Avignon, 29. Juin 2024; 

DÄMON: El Funeral de Bergman] 

7 C 

Liddell erzählt, dass Bergman seinen Dämonen Namen 

verlieh, um sie identifizieren zu können, sie an den 

Geschlechtsteilen zu packen, ihnen den Finger in den

Hintern zu stecken.


8 A

Die Poesie hält die Luft an. Verbannt das Imaginäre. Vernichtet

die Quellen. Schreibt sich in ihren eigenen Untergang. Schreiben

hat sehr viel mit Machtlosigkeit zu tun.

8 B

Das kritische Bewußtsein der poetischen Sprache.

Das Poetische als Widerstand gegen Bedeutung.

8 C

Die erträumte Präzion der Sprache absoluter Objektivität.


9 A

Es besitzt etwas Wohltuendes, sich den Hass der Menge zu

verdienen. Keine Zugeständnisse zu machen.

9 B

Das Abhaken der letzten sinnlosen Riten (diese Attitude). 

Eine schwachsinnige Melodie.

9 C

Es gibt keine Gleichheit politischer Diskurse. Ich bin verblüfft

über die allgemeine politische Gefügigkeit, die endlosen 

Fluchtlinien des Ich in die je aktuellen Dispositive.


10 A

Zum Pariser Nachlaß von Benjamin gehören die Materialien, 

die Giorgio Agamben 1981 in der Bibliothèque National fand. 

Georges Bataille hatte Texte Walter Benjamins, u.a. auch die 

Kommentare zu Gedichten von Brecht dort versteckt.

10 B

Die strategische Funktion des Kommentars. Ein Netz von

Verweisstrukturen.

10 C

» »Sinke doch ..« — Im Hoffnungslosen soll Fatzer Fuß fassen. Fuß, 

nicht Hoffnung. Trost hat nichts mit Hoffnung zu schaffen. Und 

Trost gibt Brecht ihm: Der Mensch kann im Hoffnungslosen leben, 

wenn er weiß, wie er dahin gekommen ist. Dann kann er darin 

leben, weil sein hoffnungsloses Leben dann wichtig ist. 

Zugrunde gehen heißt hier immer: auf den Grund der Dinge 

gelangen.« W. Benjamin: Aus dem Brecht-Kommentar, 509


11

Das Streben nach der Möglichkeit der Selbstüberschreitung

(dépassement du soi).


12 A

Ein Punkt von tausend Widersprüchen, in einem Kampf mit

umgekehrten Vorzeichen.

12 B

Rechte und Linke (eine empathielose Uniformität), die über

die ewige Mitte hin miteinander verschmelzen.

12 C

Dem Weltuntergang multiperspektivisch, wohlinformiert (in 

Echtzeit) beizuwohnen.

12 D

Ein gewisses Spektakel des Zerfalls. Es ist die blödsinnige

Verzauberung, die der Untergang hervorruft.

12 E

Also die Erfassung des Unerträglichen im Zustand anhaltender 

Banalität.

12 F

Als müßte man wahrhaft alles zerstören, was uns der Welt

emfremdet.

12 G

Es fehlt uns der Pessimismus die Welt zu retten.

12 H

Début de la fin. Angesichts einer auf ihn zurollenden Feuerwalze, 

einem glühenden Tsunami aus Napalm, die ihn in nur wenigen 

Augenblicken vernichten wird, fantasiert sich der Erzähler,

in der ihm verbleibenden Zeitspanne, ein Leben im Feuer 

oder im Widerstand innerhalb eines alptraumhaften Anderswo.

 »Alles sagen, alles erfinden, angesichts des Unaussprechlichen 

nicht in Panik geraten.« So in: Antoine Volodine: Vivre dans le feu


13

Jeder ist ein Opfer im Traum des anderen (aus dem er allein

nicht heraus findet).


14 A

Als wärst  du von allem gleichzeitig erschöpfst, als würde jedes

Unglück dich ein wenig mehr auflösen oder etwas von dir 

nehmen (diesen Rest oder Reserve). Die Verdopplung einer 

Gegenwart, die dich umso mehr fordert, da sie in keine 

Zukunft führt.

14 B

Es ist übrigens gleichgültig, was ich gesehen habe oder nicht 

gesehen habe.


15 A

Die neuen Formen eines vollkommen reulosen Faschismus

(gefangen in einem Kokon bodenloser Einfalt, moralischer

Verdorbenheit).

15 B

Die ewig erneuerte Tugendhaftigkeit der Profiteure und

Priviligierten grenzenloser Selbstgefälligkeit, ihr 

kleinlicher Neid.


16 A

Ich entwickele einen Hass auf das Schreiben, besonders 

wenn man versucht, es ins Spiel zu bringen.

16 B

Es ist möglich hinter seinem Schreiben vollkommen zu

verschwinden.

16 C

Die Sprache ist völlig vergiftet.

16 D

Ein Mund der sich auflöst beginnt mit den Lippen.

16 E

Die fortlaufende Wiederholung der selben Traumgesten, 

der poetischen Verschiebungen, zirkulierende Schleifen.

16 F

Ich kann mir nur eine Poesie der Krise vorstellen.

16 G

Zu glauben, wenn sich nur das Schreiben ändern würde, 

sich auch das Leben ändere.

16 H

Der Dichter ist immer einsam. Er zeigt seine Ablehnung,

bloß um zu verweigern, sich von der Gesellschaft zu 

distanzieren.


17

»Non possumus. Diese Unmöglichkeit oder Machtlosigkeit, 

das selbst ist unsere Kraft [...] Auf diese Weise zu reden, Nein 

zu sagen, und diese Weigerung zu begründen, das bedeutet, 

das Reden zu verweigern. [...] Es ist unbedeutend, dass man 

diese Haltung unrealistisch, ineffizient, idealistisch, rein negativ, 

utopisch oder machtlos, anmaßend oder erbärmlich nennt. [...] 

Wir haben keine Wahl. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. « 

Dionys Mascolo: Refus inconditionnel. Le 14. Juillet, N°2. 1958.


18 A

Die strikte Zurückweisung jedes Konformismus. In der 

Konsequenz auch zur Routine des Nonkonformismus auf 

Abstand gehen. Niemandes Parteigänger, vom Ort der 

relativen Einsamkeit aus zu schreiben versuchen.

18 B

Es gibt auch die nicht-artikulierte Verweigerung.


19 A

Für M. Duras ist der Kommunismus keine Haltung des Geistes 

oder der politischen Leidenschaft, sondern eine Tatsache. Die 

erste Pflicht eines Revolutionärs, sagt sie, besteht darin, die 

offiziellen Parteien zu bekämpfen. Und in Frankreich an erster 

Stelle die PCF. Ihr Widerstand, ihre persönliche Abneigung 

gegen allles, was im Namen des Staates verübt wird. 28 

décembre, 1969, Radioscopie, France Inter, prod. Jacques 

Chancel. PRD, ORTF.

19 B

1968 kann man im Rundfunk  den Aufruf Marguerite Duras'

zur Zerschlagung aller konventionellen Institutionen hören. 

Sie sagt den vulgären Auswüchsen des Kapitalismus den 

Kampf an, wendet sich gegen alles, was der westlichen

Welt hoch und heilig ist und spricht sich für die 

Abschafffung des Staates aus.


20 A

Es besteht immer die Möglichkeit, sich für das zu öffnen, 

was dir fremd ist.

20 B

Jemand stellt eine Frage und tausend andere Dinge sind 

plötzlich von Interesse, noch bevor jemand antwortet.

20  C

Aber die Wahheit kann nicht aus den Worten kommen, denn 

sie sind der Ort, an dem der Kampf ausgefochten wird.

20 D

Als ich schliesslich so weit bin, eine Antwort zu formulieren,

änderten sich plötzlich die Fragen.

20 E

Die Lügen der Dichter sind endgültig erschöpft. Von den 

Schrecken der Gegenwart aufgedeckt — im Widerspruch zur

Poetik der Revolution.


21 A

Also spreche ich von der Vielfalt der Taktiken, die zu entfalten,

wir uns gezwungen sehen.

21 B

Denn es ist klar, »dass wir uns nicht gehören, dass diese Welt 

nicht unsere Welt ist. Und dass sie uns nicht nur fremd ist, 

wenn sie uns in ihrer Gesamtheit gegenübersteht, sondern 

auch hinein bis in ihr kleinstes Detail.« Tiqqun, Théorie de Bloom

21 C

Egal wie gut das System das Ausmass seines Verfalls zu 

verbergen vermag, jeder spürt, dass die Zeit gekommen ist.

21 D

Träume von einem winzigen Sarg in dem ein Ratte Platz fände. 

Der Ausgestossene aber, ist ein Abfallprodukt der kapitalistischen 

Gesellschaft (innerhalb einer rechtsfreien Zone/oder Grauzone).

21 E

Die gleiche zyklische Zeit, die ihre Trugbilder mit neuen 

Betrügereien wiederholt.

21 F

Es gibt eine Vernunft, die man nicht mehr zu akzeptieren vermag.

Entscheidungen, denen man sich widersetzt. Es gibt eine Form 

der Freiheit, die keine Komplizenschaft zuläßt.

21 G

Die Verweigerung liegt jenseits der Verzweiflung, der Enthaltung

oder des Selbstmords.


22

»Heute bedeutet der humane Streik, es / abzulehnen, die Rolle 

des Opfers zu spielen.« Tiqqun, Contributions à la guerre en cours


23

Längst gibt es unendlich viele Möglichkeiten sich scheibchenweise 

zu ruinieren, sich also umstandslos zu integrieren.


24 A

Es geht also nicht darum, Macht zu übernehmen als sie 

vielmehr aufzulösen (pouvoir sans pouvoir), der Bruch mit der

Macht. In Affirmer la rupture (Comité, N° 1) schreibt Blanchot: 

»dass wir uns im Kriegszustand mit dem befinden, was überall 

und immer bloß in Bezug zu einem Gesetz ist, das wir nicht 

anerkennen, mit einer Gesellschaft, deren Werte, Wahrheiten, 

deren Ideal und Privilegien uns fremd sind, bloß einem Feind 

gegenüber, der umso furchterregender ist, als er gefälliger 

scheint, mit dem wir, das musss klar sein, in keiner Form, auch 

aus taktischen Gründen nicht, jemals paktieren werden.«

24 B

Blanchot spricht von einem Zeitenbruch, einem 

Gegenwartsmodus, in dem die Gesellschaft sich vollständig 

auflöst und das Gesetz zusammenbricht. (in »Rupture du 

temps: Révolution«; Comité, n°1). Der unmittelbare Bruch mit 

den gesellschaftlichen Verhältnissen.

24 C

Im Nachlass von Dionys Mascolo wurde ein Brief gefunden, den 

Mascolo, Maurice Blanchot zuschreibt und in dem die Gruppe 

rund um die rue Saint-Benoit als eine Bewegung des radikalen 

Bruchs beschrieben wird, »sicher gewaltsam, aber von einer sehr 

beherrschten Gewalt und, in ihrem Endzweck kommunistisch, 

wenngleich sie in einem unausgesetzten Protest die Macht und 

alle Formen der Macht in Frage stellt. Sie tritt also wesentlich 

als eine Bewegung der Weigerung in Erscheinung, die sich vor

jeder voreiligen Behauptung oder Programmatik hütet, denn 

sie ahnt, dass in jeder Behauptung, wie sie von einer 

notwendigerweise entfremdeten oder falschen Rede formuliert 

werden kann, die Gefahr liegt, durch das etablierte System (das 

der industriellen kapitalistischen Gesellschaften) vereinnahmt zu 

werden: ein System, das alles in sich integriert, das Kulturelle 

eingenommen, auch wenn es avantgardistisch ist.«


25 A

Alles beginnt damit, dass jemand Nein sagt.

25 B

Die Weigerung sich überhaupt irgend jemanden anzuschliessen, 

kann zu einer Aktion werden.

25 C

Die Wahrheit einer unendlichen Verbindung, die nur Verbindung 

ist, ohne auszuschliessen.

25 D

Die Frage nach den Möglichkeiten des Zusammenlebens bleiben 

weiterhin völlig offen.


26 A

Anfang 2018 berichtet lundimatin von Untersuchungen des 

französischen Inlandsgeheimdienst DGSI, die der Parti 

Imaginaire und deren Veröffentlichungen in der Zeitschrift 

Tiqqun eine systematische Ablehnung gegenwärtiger Politik, 

einen  Abscheu vor dem System vorwerfen. Sie stufen sie als 

eine subversiv literarische Bewegung mit revolutionärer

Ausrichtung ein. Einer Quelle (Zeuge T2666) zufolge, die 

letzte literarische Bewegung, die in der westlichen Welt noch 

aktiv ist. Als Vorläufer wird der belgische Surrealist Marel 

Marïen angeführt (und der Einfluss, den sein Buch Théorie de 

la révolution mondiale Immédiate, ausübt). Wesentliche 

Tendenzen des Kollektivs sollen die real-viszeralistischen

Konzepte um die Dichter Roberto Bolaño und Mario 

Santiago sein, sowie der Post-Exotismus Antoine Volodines.

26 B

Post-Exotismus bezeichnet eine Ästhetik, die darauf abzielt, 

Kompromittierung mit der offiziellen, politisch kontrollierten 

Literatur zu vermeiden, jede Form von Vereinnahmung 

zurückzuweisen.

26 C

Ein feindlicher Leser ist ein schlechter Leser. Ein Leser, der 

nicht weiß, wie das Werk zu lesen ist.

26 D

Volodine nennt sie Mülleimer-Literatur oder Literatur der 

Obdachlosigkeit (das Gegenteil also einer Literatur, die man 

in Schulen, Bibliotheken, in den Medien findet). Eine kleine 

(imaginäre) Literatur (nach Deleuze/Guattari), die vom Tod 

des Schriftstellers zeugt und Formen universeller Barbarei 

vor Augen führt, in der Abfolge menschlich grausamer 

Alpträume. Vom Faschismus zum Stalinismus und wieder 

Faschismus eine endgültige Erschöpfung unserer 

humanen und natürlichen Ressourcen und auf die 

Vernichtung des Planeten oder zumindest auf eine Form 

des Über-Lebens zusteuert, die viele für unvorstellbar halten.

26 E

In Lisbonne Dernière Marge (Les Éditions de Minuit, 1990) 

ist die Literatur nicht Mittel zur Fortsetzung des Kampfes, 

sondern vielmehr die Beschreibung des Versuchs der 

Protagonistin, ihre Identität als Revolutionärin in einer ihr 

feindlichen Umgebung aufrechtzuerhalten. Ihr Kampf ist 

eine Antwort auf das Schweigen und Abstreiten, welches 

auf die Gräuel des 2. Weltkrieges und den 

Vernichtungslagern folgte.


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