Donnerstag, 29. Januar 2026

parteinahme [ein fragment]


dass hilma af klint eine spirituelle person war, stimmen hörte, geister wahrnahm, die mit ihr kommunizierten, jene repräsentationscodes und transkriptionsmodi der mentalen welt, mit denen sie einfluss auf anfänge moderner abstraktion nahm [racar, xxxiv, i, 2009] 1904 während einer séance erhält sie den auftrag, bilder ausschliesslich auf der astralebene zu malen. fünf jahre vorher auf dem gleichen 

weg, keine angst davor zu haben, gedanken in eine form fliessen zu lassen [vägen till templet: hilma af klint; förberedelsetiden, 1896-1906]. sie entwickelte ihre fotoarbeiten in einem zur dunkelkammer umgebauten kleinen raum, in dem sie manchmal bis zu zehn Stunden an einem einzigen abzug arbeiten konnte. sie entwickelte, belichtete nicht nur, sondern bearbeitete ihre fotos mit tinte, kratzte 

ihre negative, zeichnete auf der lichtempfindlichen oberfläche [hélène giannecchini: une image peut-être vraie. alix cléo roubaud. postface de jacques roubaud; éditions du seuil, mai, 2014] öffnet sich, organisiert und lässt geschehen, bohrt löcher für seher, bindet von hinten nach vorne gekrümmte zur ellipse vollendete sätze, sprengt moralvorstellungen, arrangiert einladende seiten, es schwitzt, es wimmert, seufzt, 

es beißt, sie reiben sich an den buchstaben, steigen auf sich selbst delirieren von unvorstellbaren fieberbildern sie verwandelt die genres entkleidet die sprache langsam entlang der bedeutung, genießt in versen prosa anagramm [in anlehnung und freier übertragung eines textes von perrine le querrec www.perrine-lequerrec.fr] in den sechziger jahren hatte thomas harlan zusammen mit dem 

polnischen staat und dem italienischen verleger giangiacomo feltrinelli ein buchprojekt geplant, das das vierte reich heissen und in 30 kapiteln die machstrukturen der ns-herrschaft und die biografien von 17.000 tätern und ihre netzwerke dokumentieren sollte. harlan beabsichtigte die befehlswege die zur aktion reinhardt und schliesslich zur endlösung führten, aufzuzeigen (die für den aufbau 

und reibungslosen ablauf der vernichtungslager belzec, sobibór und treblinka, sowie später in der risiera di san sabba bei triest verantwortlich waren und mit einem höchstmass an effizienz, was geschwindigkeit des mordens und zahl der opfer betrifft, die zwischen juli 1942 und oktober 1943 annähernd zwei millionen juden aus dem generalgouvernement ermordeten), auch indem er die bis dahin mehr oder weniger 

unsichtbaren verantwortlichen benennen würde und beweisen, dass es in der frühen brd nicht wenige nationalsozialisten an der macht gab oder ihr in irgendeiner form zuarbeiteten. als harlan 1965 klar wird, dass er mit einem der täter zusammenarbeitet, der nun zu einem der vermeintlichen verfolger geworden war, bricht er die arbeit an seinem projekt ab. das vierte reich wird niemals 

fertiggestellt oder publiziert. so wird in description d'un combat die israelische gesellschaft zwölf jahre nach der gründung des staates israel gezeigt, die sozio-kulturellen und ethischen zusammenhänge, die der existenz des staates zugrunde liegen und welche auswirkungen die vergangenheit in der kollektiven psyche hinterlassen hat. markers kommentar liest das sichtbare nicht als dokumentarische 

wahrheit, sondern als eine landschaft aus zeichen, die zu entziffern bleibt. wie in der gleichnamigen parabel kafkas, wird der vorgebliche kampf zweier menschen beschrieben, bis allmählich die einsicht reift, dass es sich um den inneren (ethisch-moralischen) kampf eines menschen mit sich selbst handelt. und das grösste unrecht, das auf israel lastet, ist vielleicht nicht das recht zu haben, ungerecht zu sein [chris 

marker: description d'un combat, 1960] nicht nur der solidarischen gemeinschaft wurde an diesem tag (dem 7. oktober) und in der folgenden zeit der boden unter den füßen weggezogen, sondern dem empathischen, vernunftbegabten individuum selbst. die erfassung des unerträglichen im zustand anhaltender banalität. es gab freunde, die mir sagten: auf keinen fall reagieren, du machst es nur schlimmer. das 

widerspricht natürlich einerseits dem gesunden menschenverstand, weil man glaubt durch aufklärung die abgründe von ignoranz zu entkräften. doch scheint es vor allem darum zu gehen, auf der richtigen seite zu stehen. das macht ein gespräch nicht leichter. eine form der affektökonomie, die absolut unreguliert ihre wirkung ausübt. ich bin einer meinung mit lévinas, »die wahrheit ist nomadisch.« wenn man kein 

land hat, gibt es auch keinen mord [chantal akerman: œuvre écrite et parlée. 1991-2015: the pajama interview, entretien avec nicole brenez, vienna international film festival (2011)]  die erschliessung unerforschter poetischer felder, als ein gedächtnis der sprache, in dem die montage das gedicht strukturiert, keine idee sticht hervor, die nicht dem material eingeschrieben wäre. also die verwendung von periphrasen 

funktionaler art, die der inszenierung von wirklichkeit dienen [jacques roubaud: charles reznikoff, la tentative témoignage, revue littérature objectiviste, 1996] im juli 1980 hält sie in ihrem journal fest, dass sie keine schriftstellerin sei, dass sie nicht wirklich eine sprache beherrsche, um schreiben zu können, aber dass sie tag für tag schreiben müsse, um sich selbst nicht vollkommen zu verlieren. [alix cléo roubaud: 

journal (1979-1983), éditions du seuil, janvier 1984] der status des schreibens gleichzeitig komplex und labil, von der auslöschung bedroht. begriffen als eine frage nach der lebensform. die schwierigste zeit waren für mich die sechziger und siebziger jahre, da hatte ich auf das falsche pferd gesetzt. ich hatte die frage nach dem  richtigen und dem falschen den vorzug gegeben vor der frage nach dem 

schönen. ich hatte politik mit kunst verwechselt [thomas harlan im gespräch mit sieglinde geisel: sinn und form 1/2012] dezember 1970 / januar 1971 erste längere reise danielle colloberts singapur, indonesien. zum ende ihres lebens hin immer häufigere ausgedehnte reisen in immer kürzeren abständen. sie verkaufte ihre wohnung in paris um ihre fluchten finanzieren zu können (vielleicht auch als 

eine flucht nach vorn gedacht). der wunsch, nichts mehr zu besitzen. die ruhe in der bewegung. wie ihr freund beckett sagte: that at least. a place. where none. for the body. to be in. move in. out of. back into. no. no out. no back. only in. stay in. on in. still. [samuel beckett: worstward ho; john calder ltd, london, 1983] ihre mutter, francine collobert, erzählte jean daive, dass dieser blick auf die welt sie zusehends 

trauriger werden liess [le cahier du refuge. danielle collobert. centre international de poésie marseille, juin 2006] 10/7/1975: stumme angst — die zeit totschlagen — zeitweise unbequeme körperhaltung — plötzlich spürt man die ganze energie — die es gekostet haben muss, um bis jetzt durchzuhalten — nomadisch — ständig in bewegung — von einem körper zum anderen — von einem ort zum anderen — so die 

ganze zeit über — und die angst — die kurzatmigkeit — dort [meine übersetzung: danielle collobert: œvres ii, 2004] eine junge frau, die plötzlich die treppe hinunterlief, so jean-pierre faye in seiner erinnerung an agnès rouzier. das gleiche widerfährt ihm mit amelia rosselli, die ebenso aus seiner wohnung flüchtete, weil sie die faschistischen mörder ihres vaters zu sehen glaubte. deleuze schrieb an rouzier: 

sie schreiben nicht über sexualität, sie schreiben sexuell. ich erinnere mich bei non, rien [seghers/laffont, paris, 1974] an das gefühl, es mit einem brennenden objekt zu tun zu haben. von der angst getrieben in panik geraten, zeichen extremer (fortschreitender) zersetzung, merkmale, die einen ort und eine zeit bezeichnen, die zugleich schwer fassbar und begrenzt sind. literatur, die mit einer konstanten, 

autobiografischen referenzialität spielt. verschachtelungen des sinns aufeinanderfolgender resonanzräume (echo-kammern), die eigentliche verflechtung wie sie auch in colloberts  dire I zu finden ist, und sich wie ein gleichnis in alle richtungen entwickeln kann, durch das freie spiel der affinitäten, also wie sich inmitten von chaos und gemetzel überhaupt noch kohärenz herstellen lässt. jener 

augenblick, in dem man entscheidet in der ersten person zu schreiben, etwas von sich preiszugeben, um etwas anderes zurückzuhalten. in der annahme, dass, wenn man nur das schreiben ändert, sich auch das leben ändern würde. die welt muss verändert werden und die veränderte welt sich verändern, schreibt alix cléo roubaud in einem journaleintrag vom 4.vi.82. nicht genau zu wissen, was man sagt, wenn man etwas 

sagt, ohne zu begreifen, was man wahrnimmt, wenn man etwas wahrnimmt. wie schnell sie den boden unter den füssen verliert. auf den flackernden punkt zugeht, an dem sie beginnt, an allem zu zweifeln. sie bewegt sich nicht mehr, geht nicht mehr aus, blamiert sich schliesslich vor ihren freunden, liest george oppen und bewundert ihn sehr. ich weiss nicht wie man das aushält, diesen zustand, in dem das, was ist, 

genau zu dem wird, was nicht mehr ist. und sich die katastrophe eines menschen endgültig und unendlich mit der katastrophe von allen verbindet, die kein mass kennt. was mich interessiert, ist nicht die existenz als solche, sondern die bedingungen unter denen sie stattfindet (klassenverhältnisse). von einem gewissen punkt an, kann man alles sein. vagabund, poet, ein terrorist, ein nichts (eine 

runde null, sagt robert walser). man muss mit allem brechen, sich von allem lossagen. der arbeit, der familie, dem geld, dem anpassungsdruck, den endlosen gesprächen, den erwartungen. weniger werden bedeutet, sich mehr und mehr loszuwerden. so wenig wie möglich mit dem unerträglichen paktieren. die wurzeln durchtrennen, damit sie wild wuchernd wachsen können. denn beim schreiben geht es nur darum, 

zu wissen, an welche maschine die literarische maschine angeschlossen werden kann, ja angeschlossen werden muss, damit sie funktioniert [gilles deleuze/félix guattari: rhizome, les éditions du minuit, paris, 1976] solches material sich überlappender oder übereinanderliegender schichten eines organischen fliessens des textes. die demonstration eines schreibens nach der poesie, das weder poesie noch 

prosa ist. ende der achtziger jahre skizziert michel surya die ausgangslage mit der sich seine zeitschrift lignes [éditions lignes] auseinanderzusetzen hatte: der fall der berliner mauer das ende des stalinistischen kommunismus die katastrophe von tschernobyl die fatwa gegen salman rushdie die französischen präsidentschaftswahlen bei denen le pen fast 15 prozent erhält claude lanzmanns shoah der klaus barbie-

prozess. ende 1981 fährt thomas harlan nach kulmhof (chelmno) in polen, wo die nazis das erste vernichtungslager errichteten und mehr als 150.000 juden in gaswagen töteten. [von dezember 1941 an wurden juden aus den ghettos und den umliegenden provinzen nach kulmhof transportiert. durch ein leerstehendes herrenhaus gelangten sie über einen langen korridor zu einer rampe , an der drei 

gaswagen mit geöffneten türen auf sie warteten. man drängte 60 bis 100 menschen in je einen gaswagen, die türen wurden verschlossen und die motoren angelassen, durch den boden wurden über ein rohr die auspuffgase ins innere geleitet. man fuhr weiter in ein provisorisch errichtetes waldlager. das ausladekommando bestehend aus deportierten juden, die meist noch am selben abend erschossen wurden, brach den 

getöten die goldzähne heraus, körperhöhlen wurden nach wertgegenständen abgesucht, dann warf man die opfer in riesige gruben. aufgrund der sich vermehrt bildenden verwesungsgerüche, wurde das kommando sonderaktion 1005 mit der  sogenannten enterdungsaktion beauftragt, um alle spuren der verbrechen zu beseitigen.  man befürchtete, spätere generationen würden diese dinge nicht 

verstehen. die leichen verbrannte man in zwei feldkrematorien, knochenreste wurden in einer knochenmühle zerkleinert und die asche in den angrenzenden fluss geschüttet. im frühjahr 1943 kamen nur noch wenige transporte in kulmhof an. das schloss wurde gesprengt. eine ruine und eine verwüstete waldlichtung erinnerten kaum noch an die in den zurückliegenden 16 monaten ermordeten juden. ende mai 

1944 nahm das sonderkommando kulmhof ein zweites mal seine mordaktion auf. das zerstörte schloss wurde durch eine baracke ersetzt. im waldlager wurden hohe zäune errichtet. mitte juni trafen erneut zwei gaswagen ein, die zwischenzeitlich an anderen standpunkten ausgeholfen hatten. umgehend erfolgte die evakuierung der mehr als 7000 juden aus dem ghetto litzmannstadt und deren liquidierung. chelmno 

war ein wesentliches bindeglied zwischen dem nationalsozialistischen euthanasieprogramm t 4 und dem industriell durchgeführten genozid an den juden in den vernichtungslagern. (zahlreiche quellen, u.a.: verfolgung und ermordung der europäischen juden durch das nationalsozialistische deutschland 1933-1945 bd 10 polen. die eingegliederten gebiete august 1941-1945. bearbeitet von ingo loose. walter 

de gruyter gmbh, 2020 / raul hilberg: die vernichtung der europäischen juden, s. fischer verlag, 2023 / jean-pierre stephan, thomas harlan: das gesicht deines feindes, ein deutsches leben, eichborn berlin, 2007)] harlan recherchiert und rekonstruiert die lebensläufe der täter, durchforstet die archive und beabsichtigt einen film darüber zu drehen. die dreharbeiten aber fallen mit der ausrufung des kriegsrechts in polen 

zusammen und werden untersagt. chantal akerman schreibt, dass sie in der kindheit niemals geschrien oder geweint habe, ich wollte oder konnte nicht, und ich glaube, dass es daran lag, was meiner mutter widerfahren war. [the pajama interview, siehe oben] die fragmentierte einstellung, die ein ökonomisches verfahren ist und die handlung auf das wesentliche begrenzt. der mann keucht vor schreck ... die 

messerklinge glänzt ... [skriptanweisung aus georg wilhem pabst: die büchse der pandora, 1929] die wiederherstellung des bildes eines mannes mit starr aufgerissenen augen, der herabsinkende arm des opfers (lulu). der poetische text, der eine kritik an der notorischen fortschrittserzählung der moderne ausspricht und jede form von abgeschlossenheit zurückweist. während alix cléo roubaud im august 1980 

zwischen zwei selbstmordversuchen (dieser plötzlich auftretende impuls) in ihrer fotoserie si quelque chose noir ihr eigenes (geisterhaftes) verschwinden inszeniert. hin und her zwischen depressionen und heftigen stimmungsschwankungen, zeitweise starkem alkoholgenuss und tablettenmissbrauch. vorsätze, dann wieder abstürze. dämonen, die nacht für nacht, wenn man das licht löscht, auftauchen. die ständige 

gegenwart des todes, ausgelöst durch wiederkehrende erstickungsanfälle, hervorgerufen durch eine seit früher kindheit diagnostizierte asthmaerkrankung. die beweggründe zu leben stimmen niemals mit den gründen sterben zu wollen überein. ende august 1980 nimmt sie quinze minutes la nuit au rhythme mit einer belichtungszeit von zehn bis fünfzehn minuten auf, während die kamera auf ihrer 

schwer atmenden brust liegt vor ihr die zypressenallee wenige schritte von ihrem anwesen in saint-félix entfernt. man erkennt die ausgefransten, verschwommenen schwarzen umrisse der bäume (was der aufnahme eines röntgenbildes sehr ähnlich zu sein scheint). nicht der augenblick wird hier festgehalten, als vielmehr die entfaltung einer dauer, die zeitspanne einer atemnot, die eine körperliche empfindung auf die 

darstellung einer reihe zypressen überträgt. am 27. juni 1945 macht rozalia peham eine aussage zu den verbrechen in kulmhof [archiwum instytut pamięci narodowej, gk 165/271/2, bl. 64-66]. sie berichtet über die errichtung der krematoriumsöfen und die verbrennung der leichen. rozalia peham ist auch die titelgebende figur in thomas harlans roman rosa, die während des nationalsozialismus als dienstmagd arbeitete. 

bei einem streit über eine halskette reisst ihre schwester ihr vor neid ein auge aus. rozalia entwickelte ein empathisches verhältnis zu den opfern der vergasungen und gräbt sich an genau dieser stätte ein erdloch in dem sie bis zu ihrem tod im jahr 1992 leben wird. oder vielleicht aus dem grund weil sie aus der beziehung mit dem zahlmeister des sonderkommandos franz maderholz schwanger wird, die 

schwangerschaft jedoch abbricht und aus trauer über den verlust des kindes dort weiterlebt. oder weil sie auf einem schatz hocken bleibt, den ihr geliebter aus der hinterlassenschaft der ermordeten ihr zurücklässt und nicht davon abzulassen vermag. [mein mann erhielt als zahlmeister ein monatliches gehalt von 150 reichsmark, sowie eine sonderzulage für sein stillschweigen über die vorgänge in 

kulmhof von täglich 10-13 reichsmark. ich habe ferner von meinem mann eine goldene uhr, ein goldenes armband und einen goldenen ring mit einem eingefassten stein bekommen. diese dinge kamen aus kulmhof. ich erhielt auch leder für schuhe. die offiziere und wachen besserten ihr gehalt auf, indem sie tauschgeschäfte mit der benachbarten bevölkerung tätigten. (rozalia peham am 27. juni 1945 vor dem 

kreisgericht kolo) w. bednarz: obóz straceń, 1946] du bist dem anderen direkt gegenüber, und in diesem entscheidenden moment,  wo du jemanden direkt ins gesicht blickst, bekommst du es mit einem verantwortungsgefühl zu tun. das ist meine auffassung von ethik [chantal akerman: the pajama interview, s.o.] ich finde, dass es in meurtre eine grosse verzweiflung gibt. als ich das buch gelesen habe, war 

ich ein paar tage lang krank. ich erzählte dany davon und sie sagte, wohl um mich zu beruhigen: aber das ist doch bloss literatur. aber wenn man ein so tiefgründiges buch schreibt, wird einem klar, wie sehr sie innerlich damit gerungen haben muss [francine collobert im gespräch mit jean daive, s.o.] die beziehung zur inneren sowie zur äusseren wirklichkeit ist eine genuine leistung der literatur, 

besonders im hinblick auf die erfahrungen des nationalsozialismus, des faschismus, wie ganz allgemein des krieges. die hierdurch heraufbeschworenen bilder sind fragil, stets durch voreingenommenheit oder vereinnahmung gefährdet. alix cléo roubaud lernt den filmemacher jean eustache ende juni 1979 kennen. ein jahr später drehen sie an einem einzigen tag les photos d'alix. ein film, der den unterschied, zwischen dem, 

was man erkennt und jenem, was man nicht erkennt, aufzeigt, weil ein foto, nach all dem, was über es ausgesagt wird, nicht dasselbe foto bleibt, weil auch der blick darauf sich im laufe der zeit verändert. aber was kann das kino über die wirklichkeit sagen, wenn es nie sicher sein kann, ob es die wirklichkeit ist, die es gerade filmt. les photo d'alix zeigt die mehrdeutigkeit von bildern und die unbestimmtheit 

der interpretationen, im laufe des films scheinen alix' bildbeschreibungen immer weniger zu dem zu pasen, was wir gerade sehen. aber das, was man nicht sehen kann, muss man zeigen. als würde es das geben, das eine vollständige bild der shoah. bruchstücke eines kaum zu umfassenden ganzen. von einem gelähmten und versteinerten blick, von einem »absoluten bild« — wie agamben es nennt — das 

einen erstarren lässt, den tod bringt und uns »der unmöglichkeit des sehens« ausliefert, ist in der tat nichts zu lernen. [georges didi-huberman: images malgré tout / bilder trotz allem,  münchen, 2007]  das sind störgeräusche, die vorzugsweise durch unfälle oder unvollständigkeiten in der digitalen kodierung entstehen. wir sprechen auch von digitalen störungen oder glitches. das ist wenig, das ist lächerlich, 

nahezu nichts, aber meinem rhythmus, meinem tempo geschuldet, das sehr langsam ist. dass nämlich die poesie nicht mehr in der poesie zu finden ist, sondern als eine möglichkeit des existenz in jedem text enthalten sein kann. als letzte individuelle utopie. die unaufhörlich kreative auslöschung des textes, der im besonderen die entgrenzung der genres, die allgemeine öffnung anstrebt. so kann man sagen, dass 

die fotos kollektiv gemacht wurden, obwohl der griechische jude alex (d.i. alberto errera) physisch den auslöser der kamera betätigt hat. [zeugnis von alter fajnzyberg, gedenkstätte auschwitz, september 1985 / die vier fotografien des sonderkommandos aus auschwitz-birkenau, 1944] der zustrom unterschiedlicher empfindungen durch das fliessen der worte (über und durch die haut) die 

zersplitterungen eines wesens auf ein blatt papier zu übertragen. also verweigert sich die poesie einer repräsentativen logik oder einem solchen verstehen, lässt alle versuche einer klassifizierung in sich zusammenfallen. und man weiss, dass der negationismus zwei ressourcen hat, von denen eine darin besteht, nicht zu sehen, was in der tat nicht mehr sichtbar ist, während die andere darin besteht, den 

kontext der ereignisse bis zu dem punkt zu entfalten, an dem die besonderheit des verschwindens verschwunden ist. [jacques rancière: figures de l'histoire / 

geschichtsbilder, berlin, 2013] 






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