Sonntag, 1. Februar 2026

DU MUSST DEINE SPRACHE ÄNDERN


Ich sage die Wahrheit, ich habe zweifellos Unrecht. Und wo ich wirklich falsch liege, ist, die Wahrheit zu sagen. Man sollte eher sagen, ein bisschen Wahrheit. (Chantal Akerman)


1| Wenn du von neuem begonnen hast zu schreiben, so weil du daran scheiterst, ganz unsichtbar zu sein, dich nicht länger herausziehen kannst, als hättest du mit all dem nichts zu tun.

2| Als könne nicht jeder zu einer Gefahr für den anderen werden. 

3| All die sinnlosen, infamen Vergleiche, die immer unverhohlener gezogen werden. Die offensichtliche Zurschaustellung moralischer Überlegenheit, ohne dass man seine triumphalistischen Ambitionen länger verbirgt. 

4| In einer Welt, in der es von nun an, nur noch Opfer und ihre Unterdrücker gibt. 

5| Was du für dein Leben gehalten hast, das wird dir nun klar, ist in Wirklichkeit der Traum eines anderen.

6| Auf dem Foto sieht man eine halb zerstörte Statue deren Hände und Füße zerbrochen am Boden liegen.

8| Die Beispiele nehmen zu.

9| Von Augen durchbohrt.

10| Sich zu erinnern, kann genauso gut bedeuten, sich falsch zu erinnern, Dinge auszublenden, die der persönlichen Identität schmerzhaft oder unbequem sind. Wirklichkeit, die sich gemäß ihrer Interpretation verdichtet. Man entwirft eine kohärente Erzählung, die als Grundlage einer persönlichen Identität dienen mag. Beginnt, Dinge und Zustände zu kompensieren. Was das Leben augenscheinlich erleichtert. 

11| In geschlossenen Systemen funktioniert die Wahrheit wunderbar, man erhält auf jede Frage eine Antwort. 

12| Du hast versucht, dich von allem zu trennen. Der Familie, der Arbeit, den Freundschaften, den Dingen um dich herum. Du gehörst nirgendwo hin. Das hast du seit einiger Zeit begriffen oder versuchst du zu begreifen. Es ist ganz einfach, man gibt alles auf. Nicht mehr zurückzublicken, auf jenen, als der man existiert hat. Was man vorher war, ist Geschichte, etwas so Unbedeutendes. Es ist übrigens genau diese Unmöglichkeit, die du anstrebst. Die Hinfälligkeit der eigenen Existenz.

13| Schreiben (als wäre die Möglichkeit des Schreibens nicht längst erschöpft), um zu ergründen, was im Dunkeln liegt. Um im Schreiben die Spuren dessen, was gesagt und geschrieben wurde, wiederzufinden. Die Vorstellung einer Sprache, eines imaginierten, unvorhergesehenen Ausdrucks, vor dem man nicht zurückweichen darf. Zu Schreiben in einer Art Ausnahmezustand, in dem die Zeit sich mehr und mehr eingrenzt, bevor Körper und Geist zusehends verfallen. 

14| Deine Arbeitsweise ist entschieden teleskopisch. Sie vereint die unterschiedlichen Blickwinkel, die Perspektiven, ohne je eine Position vollständig auszureizen, denn ich denke, so funktioniert das Leben.

15| Du stellst dir zum Beispiel vor, eine Bemerkung Hocquards aufgreifend, das sich Worte unter der Oberfläche ausbreiten und auf der Oberflache dann gewisse Zusammenhänge erzeugen. Der Dichter, ähnlich wie ein Detektiv, wird sich dieser Spuren und Hinweise annehmen und sie untersuchen. Testimony von Reznikoff ist eine grossartige Sammlung solcher Spuren und Verdichtungen.

16| Bei Chantal Akerman hast du gelesen, wie sehr sie das Buch von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Kafka und die kleine Literatur beeindruckt hat. Das sich entziehende Werk, die deterritorialisierte Literatur. Was sie mit ihren Filmen versucht hat zu adaptieren. Und folgerichtig beginnt sie mit dem Schreiben. Einer wenig erhabenen Sprache. Konventionen und herkömmliche Strukturen zu unterlaufen. Aufmerksamkeit, die stets nur ein paar Sekunden aufblinkt und dann wieder verlöscht. Der kreative Prozess begriffen als ein rhizomatisches Erleben, das Durchschreiten eines Baus mit Haupt- und Nebenwegen, auf denen man sich treiben lässt, sucht, sich verliert, entdeckt, rätselt, eine labyrinthische Welt, in der man nach einer grundsätzlichen Bedeutung Ausschau hält. 

17| Denn offenkundig ist das Leben die Hölle. In der man nicht so weitermachen kann, als wäre nichts geschehen. 

18| Akermans bevorzugte Einstellung ist die der Frontalachse, die nichts beschreibt oder deutet, sondern die Möglichkeit der Wahrnehmung und Reflexion eröffnet. Eine Person kommt immer frontal auf dich zu.

19| Ja, das ist es, machen wir es ein wenig komplexer.

20| Denn es gibt eine Hierarchie der Bilder.

21| Der Friseur, der in Treblinka den Frauen die Haare schneidet, bevor sie in die Gaskammer gehen. Und der dann 30 Jahre später die gleichen Handgriffe in Lanzmanns Shoah wiederholt. Noch später wird Godard diese Szene mit Chaplins jüdischem Friseur aus Der Diktator in  Histoire(s) zusammenschneiden.

22| Man kann keinen Revolution anzetteln, nur weil man mit der Welt unzufrieden ist. Das wäre Tyrannei. 

23| Du bist kein Ideologe. Du fürchtest den faulen Frieden nicht weniger als den Krieg. Du benutzt den Kommunismus als Material. Aus diesem Brei von Träumen menschlicher Gedankenbilder, Fetzen sich überlagernder Phantasien. Ein Sehnsuchtsort wie jener in der Rue Saint-Benoît, an dem Marguerite Duras und ihre Freunde Dionys Mascolo oder Robert Antelme eine nahezu unerträgliche Realität, mit dem Traum von etwas ganz Anderem zu verbinden versuchten. 

24| Zweifellos liegt eine gewisse Genugtuung in den Worten derer, die behaupten, Juden, die widerstandslos in die Gaskammern gingen, seien die guten Juden gewesen, während die Juden heute, die neuen Nazis sind. Der schmale Grat zwischen Verleugnung und Verrat. Geleitet von dem Wunsch auf der richtigen Seite zu stehen. 

25| Du kommst immer wieder auf dieselben Dinge zu sprechen. So als würdest du deine Existenz beweisen wollen. 

26| Mahmoud Darwisch fragt in Notre Musique: „Wissen Sie, warum die Welt sich für die Palästinenser interessiert? Weil unser Feind Israel ist.“ 

27| Es sind die Täter, die um existieren zu können, auf ihre Opfer angewiesen sind. 

28|Die Annäherung an erfahrenes Leid, darf nicht die Wiederholung des selben sein. Chantal Akerman sagt, dass in Frankreich die Leute wollen, dass sie schlecht über Israel redet. Um ein guter Mensch zu sein.

29| Der Horror liegt nicht in der Überschreitung der menschlichen Verhältnisse (den Bedingungen), nicht im Exzess oder im Nicht-Denken, sondern in den menschlichen Verhältnissen. Weil Geschichte nur gemacht wird, wenn sie sich erzählt, kann es eine Kritik der Geschichte nur geben, wenn erzählt wird, wie Geschichte sich in ihrem Erzählen hervorbringt.

FORTSETZUNG FOLGT

Donnerstag, 29. Januar 2026

parteinahme [ein fragment]


dass hilma af klint eine spirituelle person war, stimmen hörte, geister wahrnahm, die mit ihr kommunizierten, jene repräsentationscodes und transkriptionsmodi der mentalen welt, mit denen sie einfluss auf anfänge moderner abstraktion nahm [racar, xxxiv, i, 2009] 1904 während einer séance erhält sie den auftrag, bilder ausschliesslich auf der astralebene zu malen. fünf jahre vorher auf dem gleichen 

weg, keine angst davor zu haben, gedanken in eine form fliessen zu lassen [vägen till templet: hilma af klint; förberedelsetiden, 1896-1906]. sie entwickelte ihre fotoarbeiten in einem zur dunkelkammer umgebauten kleinen raum, in dem sie manchmal bis zu zehn Stunden an einem einzigen abzug arbeiten konnte. sie entwickelte, belichtete nicht nur, sondern bearbeitete ihre fotos mit tinte, kratzte 

ihre negative, zeichnete auf der lichtempfindlichen oberfläche [hélène giannecchini: une image peut-être vraie. alix cléo roubaud. postface de jacques roubaud; éditions du seuil, mai, 2014] öffnet sich, organisiert und lässt geschehen, bohrt löcher für seher, bindet von hinten nach vorne gekrümmte zur ellipse vollendete sätze, sprengt moralvorstellungen, arrangiert einladende seiten, es schwitzt, es wimmert, seufzt, 

es beißt, sie reiben sich an den buchstaben, steigen auf sich selbst delirieren von unvorstellbaren fieberbildern sie verwandelt die genres entkleidet die sprache langsam entlang der bedeutung, genießt in versen prosa anagramm [in anlehnung und freier übertragung eines textes von perrine le querrec www.perrine-lequerrec.fr] in den sechziger jahren hatte thomas harlan zusammen mit dem 

polnischen staat und dem italienischen verleger giangiacomo feltrinelli ein buchprojekt geplant, das das vierte reich heissen und in 30 kapiteln die machstrukturen der ns-herrschaft und die biografien von 17.000 tätern und ihre netzwerke dokumentieren sollte. harlan beabsichtigte die befehlswege die zur aktion reinhardt und schliesslich zur endlösung führten, aufzuzeigen (die für den aufbau 

VOM VERSCHWINDEN. FÜR DANIELLE COLLOBERT


                                                 Es wird nie wieder eine Rückkehr geben – nur noch Durchgänge –                                                                                                                        einen Durchgang!…

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Danielle Collobert: Œuvres IITextes manuscrits laissés inédits

 

////////////////////////////////////////// 1
Kennengelernt, so Jean-Pierre Faye, haben wir uns im Mai 1968
im Hôtel de Massa, dem Gründungsort des französischen
Schriftstellerverbands. Danielle kam geräuschlos, mit einer
Bescheidenheit, die ihrer vollkommenen Gelassenheit entsprach,
und sagte, dass sie tippen  könne und uns helfen würde. Sie
erwähnte nicht einmal, dass sie schrieb und ein Buch bei
Gallimard veröffentlicht hatte…
//////////////////////////////////// 2
Man schreibt, um nicht zu ersticken, ein wenig das Luft-
Abschnüren hinauszuzögern, die Strangulation.
////////////////////////////////////////////////////////// 3
Als versuche man die Sprache auszulöschen, sie endgültig hinter
sich zu lassen — noch vor ihrem eigenen Verschwinden — eine
Sprache ausserhalb der Sprache, einen vorsprachlichen Zustand
zu erreichen (Danielle Collobert kommt in Dire II darauf zu
sprechen).
Man wird von der Sprache durchdrungen. Man ist die Sprache.
//////////////////////////////////////////////////////////////////////////// 4
Kafka träumte oft von einem Verschwinden, das ihm einen
Ausweg eröffnen, eine allgemeine Zufriedenheit ermöglichen würde,
deren Verwirklichung ihm auf anderen Wegen verwährt zu
bleiben schien.
///////////////// 5
Wo ich gerade stehe —
Ich muss so weitermachen wie vorher — Bilanz ziehen — vor dem
Neubeginn. Neue Formen der Auseinandersetzung. Nicht mehr
ich und der andere, sondern ich und die Welt — das Sich—
Verändernde.
Sofortiges Handeln in der Welt ist genauso wichtig wie andere
Notwendigkeiten. Aber keine allgemeine, globale
Rechtfertigung. Es gibt immer mich — allein — mein Leben —
meinen Tod. Und keine Spurensuche.
Œuvres II, p.357. Fragment Épars.

Mittwoch, 28. Januar 2026

Die Verweigerung oder Anmerkungen zu "communismus der geister/dokumente #1 – #3



1 A

Lass die Welt zugrunde gehen [M. Duras // press kit, Les Films 

Molière, 1977, fonds Jean-Pierre Joncolas, archives de la Section 

d'histoire et esthétique du cinéma, Université de Lausanne]. Man 

muss die Kraft zur totalen Kritik, zur Verweigerung, zur 

verzweifelt sinnlosen Anklage aufbringen. Es gibt keine 

politische Lösung, die uns wesentlich berücksichtigen würde.

1 B

Zwecklos noch an ein planetarisches, ökologisches 

Gleichgewicht zu glauben. Weil uns ein falsches Denken

und Verständnis im Wege steht.

1 C

Machen wir uns nichts vor. Man muss den Mut besitzen,

an nichts zu glauben. Sich frei machen von jeder

Form von Verzweiflung. 

1 D

Die eingeschlagene (vorgebene) Umlaufbahn verlassen. 

Die Funktion der Distanzierung vom Realen. Eine Art 

organischer Widerstand.

1 F

Gegen eine konformistische Korrektheit.


2

Man schreibt über alles. Über alle möglichen Arten des 

Untergangs. Man greift ein, wird einbezogen. Von seinen 

Freunden. Seinen Feinden [die Konzepte der Feindschaft 

bei Tiqqun, J.-L. Nancy oder J. Derrrida, der in Politiques de 

l'amitié daran erinnert, dass wir ohne Feind nicht in der Lage 

sind, unser Selbst zu denken, ein Sein, das sich nur durch und 

mit einem Anderen begreifen läßt]. Man schreibt nicht für 

jene, die die Literatur lieben. Man darf nicht einen 

Gedanken daran verschwenden. Das denke ich.


3 A

Man muss sich von allem befreien. Sich selbst auslöschen. 

Die Vorwände pulverisieren, dieses oder jenes zu tun. Oder 

nicht zu tun. Zu lieben. Zu schreiben. Zu leben. Nicht zu leben.

3 B

No more poetry. Die Dunkelkammer eines Gedankens/eines

Textes.

3 C

Der Text muss eine gewisse Desorientierung hervorrufen, damit

er nicht als Poesie gelesen wird.


4

Die Illusionen der Literatur sind nutzlos. Die Literatur ist erschöpft.

Sie bezieht Stellung, kämpft, sucht nach Auswegen. Sinnlos, sich

davon etwas zu erhoffen.


5  A

Es ist geradezu schockierend, jemanden zu hören, der die 

Wahrheit sagt. Weil es so selten vorkommt.

5 B

»Wie wird man für sich selber etwas, das man sich vorstellt?«

Jean-Luc Nancy: L'Intrus