1| Wenn du von neuem begonnen hast zu schreiben, so weil du daran scheiterst, ganz unsichtbar zu sein, dich nicht länger herausziehen kannst, als hättest du mit all dem nichts zu tun.
2| Als könne nicht jeder zu einer Gefahr für den anderen werden.
3| All die sinnlosen, infamen Vergleiche, die immer unverhohlener gezogen werden. Die offensichtliche Zurschaustellung moralischer Überlegenheit, ohne dass man seine triumphalistischen Ambitionen länger verbirgt.
4| In einer Welt, in der es von nun an, nur noch Opfer und ihre Unterdrücker gibt.
5| Was du für dein Leben gehalten hast, das wird dir nun klar, ist in Wirklichkeit der Traum eines anderen.
6| Auf dem Foto sieht man eine halb zerstörte Statue deren Hände und Füße zerbrochen am Boden liegen.
8| Die Beispiele nehmen zu.
9| Von Augen durchbohrt.
10| Sich zu erinnern, kann genauso gut bedeuten, sich falsch zu erinnern, Dinge auszublenden, die der persönlichen Identität schmerzhaft oder unbequem sind. Wirklichkeit, die sich gemäß ihrer Interpretation verdichtet. Man entwirft eine kohärente Erzählung, die als Grundlage einer persönlichen Identität dienen mag. Beginnt, Dinge und Zustände zu kompensieren. Was das Leben augenscheinlich erleichtert.
11| In geschlossenen Systemen funktioniert die Wahrheit wunderbar, man erhält auf jede Frage eine Antwort.
12| Du hast versucht, dich von allem zu trennen. Der Familie, der Arbeit, den Freundschaften, den Dingen um dich herum. Du gehörst nirgendwo hin. Das hast du seit einiger Zeit begriffen oder versuchst du zu begreifen. Es ist ganz einfach, man gibt alles auf. Nicht mehr zurückzublicken, auf jenen, als der man existiert hat. Was man vorher war, ist Geschichte, etwas so Unbedeutendes. Es ist übrigens genau diese Unmöglichkeit, die du anstrebst. Die Hinfälligkeit der eigenen Existenz.
13| Schreiben (als wäre die Möglichkeit des Schreibens nicht längst erschöpft), um zu ergründen, was im Dunkeln liegt. Um im Schreiben die Spuren dessen, was gesagt und geschrieben wurde, wiederzufinden. Die Vorstellung einer Sprache, eines imaginierten, unvorhergesehenen Ausdrucks, vor dem man nicht zurückweichen darf. Zu Schreiben in einer Art Ausnahmezustand, in dem die Zeit sich mehr und mehr eingrenzt, bevor Körper und Geist zusehends verfallen.
14| Deine Arbeitsweise ist entschieden teleskopisch. Sie vereint die unterschiedlichen Blickwinkel, die Perspektiven, ohne je eine Position vollständig auszureizen, denn ich denke, so funktioniert das Leben.
15| Du stellst dir zum Beispiel vor, eine Bemerkung Hocquards aufgreifend, das sich Worte unter der Oberfläche ausbreiten und auf der Oberflache dann gewisse Zusammenhänge erzeugen. Der Dichter, ähnlich wie ein Detektiv, wird sich dieser Spuren und Hinweise annehmen und sie untersuchen. Testimony von Reznikoff ist eine grossartige Sammlung solcher Spuren und Verdichtungen.
16| Bei Chantal Akerman hast du gelesen, wie sehr sie das Buch von Gilles Deleuze und Félix Guattari über Kafka und die kleine Literatur beeindruckt hat. Das sich entziehende Werk, die deterritorialisierte Literatur. Was sie mit ihren Filmen versucht hat zu adaptieren. Und folgerichtig beginnt sie mit dem Schreiben. Einer wenig erhabenen Sprache. Konventionen und herkömmliche Strukturen zu unterlaufen. Aufmerksamkeit, die stets nur ein paar Sekunden aufblinkt und dann wieder verlöscht. Der kreative Prozess begriffen als ein rhizomatisches Erleben, das Durchschreiten eines Baus mit Haupt- und Nebenwegen, auf denen man sich treiben lässt, sucht, sich verliert, entdeckt, rätselt, eine labyrinthische Welt, in der man nach einer grundsätzlichen Bedeutung Ausschau hält.
17| Denn offenkundig ist das Leben die Hölle. In der man nicht so weitermachen kann, als wäre nichts geschehen.
18| Akermans bevorzugte Einstellung ist die der Frontalachse, die nichts beschreibt oder deutet, sondern die Möglichkeit der Wahrnehmung und Reflexion eröffnet. Eine Person kommt immer frontal auf dich zu.
19| Ja, das ist es, machen wir es ein wenig komplexer.
20| Denn es gibt eine Hierarchie der Bilder.
21| Der Friseur, der in Treblinka den Frauen die Haare schneidet, bevor sie in die Gaskammer gehen. Und der dann 30 Jahre später die gleichen Handgriffe in Lanzmanns Shoah wiederholt. Noch später wird Godard diese Szene mit Chaplins jüdischem Friseur aus Der Diktator in Histoire(s) zusammenschneiden.
22| Man kann keinen Revolution anzetteln, nur weil man mit der Welt unzufrieden ist. Das wäre Tyrannei.
23| Du bist kein Ideologe. Du fürchtest den faulen Frieden nicht weniger als den Krieg. Du benutzt den Kommunismus als Material. Aus diesem Brei von Träumen menschlicher Gedankenbilder, Fetzen sich überlagernder Phantasien. Ein Sehnsuchtsort wie jener in der Rue Saint-Benoît, an dem Marguerite Duras und ihre Freunde Dionys Mascolo oder Robert Antelme eine nahezu unerträgliche Realität, mit dem Traum von etwas ganz Anderem zu verbinden versuchten.
24| Zweifellos liegt eine gewisse Genugtuung in den Worten derer, die behaupten, Juden, die widerstandslos in die Gaskammern gingen, seien die guten Juden gewesen, während die Juden heute, die neuen Nazis sind. Der schmale Grat zwischen Verleugnung und Verrat. Geleitet von dem Wunsch auf der richtigen Seite zu stehen.
25| Du kommst immer wieder auf dieselben Dinge zu sprechen. So als würdest du deine Existenz beweisen wollen.
26| Mahmoud Darwisch fragt in Notre Musique: „Wissen Sie, warum die Welt sich für die Palästinenser interessiert? Weil unser Feind Israel ist.“
27| Es sind die Täter, die um existieren zu können, auf ihre Opfer angewiesen sind.
28|Die Annäherung an erfahrenes Leid, darf nicht die Wiederholung des selben sein. Chantal Akerman sagt, dass in Frankreich die Leute wollen, dass sie schlecht über Israel redet. Um ein guter Mensch zu sein.
29| Der Horror liegt nicht in der Überschreitung der menschlichen Verhältnisse (den Bedingungen), nicht im Exzess oder im Nicht-Denken, sondern in den menschlichen Verhältnissen. Weil Geschichte nur gemacht wird, wenn sie sich erzählt, kann es eine Kritik der Geschichte nur geben, wenn erzählt wird, wie Geschichte sich in ihrem Erzählen hervorbringt.
FORTSETZUNG FOLGT
